Stehe auf und wandle!

Matthäus 9,6 - Monatsvers Juli

 

Seit vier Jahren war sie an den Rollstuhl gefesselt, eine lebenssprühende junge Frau, Mutter von drei Kindern. Können wir eigentlich ermessen, was das bedeutet? - Wenn unten im Gartenmarkerschütterndes Geschrei ertönt, weil vermutlich eines der Kinder sich irgendwie verletzt hat, dann sitzt die Mutter oben und kann nicht einen Schritt auf das Kind zugehen, um es zu trösten.

Oder aus der Küche dringt immer stärker der Geruch überlaufender Milch, und sie kann sich nicht rühren, um den Topf herunter zu nehmen. Ein breiter Sonnenstrahl fällt ins Zimmer, und anstatt sich an ihm zu freuen, sieht sie nur immer die dicke Staubschicht auf dem Schreibtisch, die er unerbittlich beleuchtet. Nur jetzt schnell einen Staublappen nehmen und darüberwischen können, - aber sie sitzt wie angekettet.

Ein Auto fährt vor. Sie weiß, es kommen Gäste, aber sie darf ihnen nicht entgegengehen, um sie freudig willkommen zu heißen, sie muss warten, warten...

Worauf sie am Sehnlichsten wartete, das war die Heilung. Mit allen Fasern ihres Herzens wünschte sie sich das Gesundwerden um ihrer Familie willen, die eine Mutter so notwendig brauchte. Sie hatte schon viele Ärzte konsultiert, Bäder aufgesucht, Kuren unternommen. Aber sie spürte nirgends einen Erfolg, nur eine langsam fortschreitende Verschlechterung. Die Schmerzen wurden andauernder und stärker, die Widerstandskra geringer. Und hin und wieder tauchte die Frage in ihr auf: Sollte mir Gott wirklich dieses Los zugedacht haben, dass ich nie mehr gesund werde? Das wäre das Allerschlimmste, das mir widerfahren könnte, unausdenkbar!

Sie schlug ihre Bibel auf. Von Kind auf war sie mit ihr vertraut. Sie wusste, da stand ihre Geschichte, die sie schon so oft gelesen hatte. Und immer blieb sie hängen an dem Satz: „Stehe auf und wandle!“ (Matthäus 9,6) Da sah man es doch: Gott hatte Macht auch über diese unheilbar scheinende Krankheit. Warum sollte er diese seine Macht nicht auch an ihr beweisen? Ja, warum eigentlich nicht?

„Als Jesus ihren Glauben sah [...] (Matthäus 9,2)“, heißt es ja auch in dieser Geschichte. Das allein war die Voraussetzung für die Heilung. Aber wie ging das bei jenem Gichtbrüchigen nun wirklich vor sich? Jesus sah den Glauben und sprach: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ (Matthäus 9,2) Das war ja noch gar keine Heilung der Krankheit!

Plötzlich el es ihr wie Schuppen von den Augen: Je- sus sieht tiefer, er sieht sozusagen durch unsere Leiblichkeit hindurch und erkennt mit einem Blick, wie es um unsere Seele bestellt ist, um unser Verhältnis zu Gott. Ob ein Mensch belastet ist mit der Krankheit der unvergebenen Sünde, der Unbußfertigkeit, der Lieblosigkeit. Das sieht Jesus. Diese Gebrechen möchte er heilen, radikal ausheilen! Dazu ist er auf die Erde gekommen. Und zu der wunden Seele spricht er in Vollmacht dieses heilende und lösende Wort: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Das tilgt den Krankheitskeim, der die Trennung zwischen Gott und dem Menschen verursacht, das heilt in alle Ewigkeit.

Demgegenüber ist die Heilung der leiblichen Krankheit zweitrangig. In der Geschichte aus Matthäus 9,1-8 wird sie dem Gichtbrüchigen auch zuteil. Das tut Gott nicht immer. Aber immer bedeckt er mit heilenden Händen die Sünde dessen, der bittend zu ihm kommt.

In dem stillen Hören auf Gottes Wort hat es jene Frau gelernt, „ja“ zu sagen zu dem körperlichen Leiden, das Gott ihr auferlegt hatte. Sie wurde nicht mehr gesund. Aber anstelle der ehentlichen Bitte um Heilung hatte sie nun ihr Leben ganz seinem Willen untergeordnet und konnte nun danken dafür, dass Jesus auch ihre Schuld getilgt und ihre Seele völlig geheilt hat. Und dass dieses „Geheiltsein“ ihr auch für die Ewigkeit zugesichert ist. Sie klammerte sich nun nicht mehr an das „Stehe auf und wandle!“, sondern glaubte mit aller Zuversicht ihres Herzens an das auch für sie gültige Wort: „Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben!“

Lore Zahn

Dieser Artikel ist ein Auszug aus der aktuellen Ausgabe der Evangeliums Posaune.